Buenos Aires Finale

Irgendwann habe ich den Überblick verloren, wie lange ich in Buenos Aires war und ich musste meine Hotelbuchungen zu Rate ziehen. Es waren über 6 Wochen. Zwischendurch war ich mal für einige Tage m Meer und habe wieder im Zelt gelebt. Die restliche Zeit habe ich in verschiedenen Hotels und Hostels genächtigt und auch einige Tage bei Freunden erbracht. Was bleibt nach 6 Wochen Buenos Aires an Erinnerungen?

Da sind an erster Stelle die Menschen.

Die Bewohner sind extrem freundlich, hilfsbereit und auch offen und man kommt sehr schnell -trotz meiner fast gegen Null gehenden Spanischkenntnisse- ins Gespräch. Hierzu zwei kleine Beispiele. In einem Straßenlokal in Av. 9 de Julio komme ich nach kurzer Zeit mit einem älteren Herrn am Nachbartisch ins Gespräch. Er sei Dr. der Rechtswissenschaft und in der Justizbehörde tätig.  Zum Beginn des Gespräches die üblichen „Wohin und Woher“ und „Alleine mit dem Motorrad?“ Im weiteren Verlauf kommt auch der Stolz auf Buenos Aires zum Ausdruck und ob ich denn auch die modernen Viertel gesehen hätte. Zum Schluss gibt er mir noch seine Telefonnummer und email Adresse, falls ich irgendwann mal Hilfe brauchen würde. Hoffentlich habe ich die nicht nötig, um die Hilfe aus der Justizbehörde in Anspruch nehmen zu müssen.

Das andere Beispiel beginnt in ein kleinen Lokal in der Nähe des Plaza Dorrego. Auf einer Minibühne machen 6 Freunde abwechselnd Musik, traditionelle Musik. Auch hier komme ich mit einem der Musiker, wie sich später herausstellt, dem ersten unter gleichen der Gruppe, ins Gespräch. Er lädt mich zu einer Veranstaltung am nächsten Abend ein. Manche Zufälle sind schon seltsam. Buenos Aires ist eine 12 Millionen Stadt und die Veranstaltung ist gerade einmal 4 Blocks von meinem Hotel entfernt. Als ich dann eintreffe werde ich gleich als Freund begrüßt und nehme am Tisch der Musiker Platz.

Ein paar unfreundliche Bewohner gibt es allerdings auch und einem bin ich begegnet, der hat mir im Gedränge nämlich meine Brieftasche gestohlen und so stand ich plötzlich ohne Kreditkarten und Geld da.

In Erinnerung bleiben mir auch die Cartoneros.

Die Cartoneros durchstöbern Tag und Nacht die Müllbehälter der Stadt nach wiederverwerten Teilen.

jeder Müllcontainer wird durchsucht

jeder Müllcontainer wird durchsucht

ein Cartonero mit seiner Ausbeute

ein Cartonero mit seiner Ausbeute

Überwiegend sieht danach die Gegend um den Müllbehälter  aus wie eine Müllhalde. Wie viele Cartoneros es gibt scheint unbekannt zu sein. Die Zahlen variieren zwischen 10 000 und 40000 in Buenos Aires. Viele von Ihnen ziehen abends mit ihren Rollwagen von den Slums der Aussenbezirke in die reicheren Stadteile und besonders ins Microzentrum von Buenos Aires. Seit der großen Krise 2001 haben viele ihre Arbeit verloren, dazu kam noch eine gallopierende Inflation, was zu einer Verarmung eines großen Teils der Bevölkerung führte, So war das durchstöbern des Abfalles nach Wertstoffen oftmals der einzige Ausweg.

Obdachlose

Und viele der Cartoneros sind auch obdachlos. Sie schlafen bei ihren Sammelwagen, schaffen sich tlw. behelfsweise eine kleine Privatsphäre, indem sie den Wagen vor ihrem Schlafplatz stellen oder schlafen direkt auf ihren „Schätzen“. Es soll Versuche der Stadtverwaltung gegeben haben, wieder eine reguläre Mülltrennung einzuführen, um auch die Sauberkeit an den Müllcontainern wieder herzustellen, doch das soll angeblich am Widerstand der Cartoneros gescheitert sein. Das kann ich kaum glauben, denn in welchem Land dieser Erde hat eine Regierung auf die Wünsche der Unterschicht reagiert? Ich glaube eher, dass es ein gutes Geschäft für die Aufkäufer oder gar die Ebene darüber ist. So war auch auffällig, dass viele der Cartoneros gleiche Karren haben und auch die Sammelbehälter ähneln sich. Ich kann mir da eher vorstellen, das die Wagen den Cartoneros zur Verfügung gestellt werden, natürlich nicht kostenlos.

Und wer nicht einmal als Cartonero ein Einkommen hat, lebt ganz auf der Straße. So gibt es auch kleine Slums auf dem Plaza de Congresso in unmittelbarer nähe des Nationalkongresses. Abends gibt es kaum einen Block, in dem nicht mindesten ein Obdachloser im Hauseingang schläft. Trotzdem fühlte ich mich auch nachts sicher, wenn ich zu Fuss zum Hotel zurückging.

Prachtbauten

Buenos Aires war einmal eine der reichsten Städte der Erde, galt Argentinien doch bis zum Ende der Belle Epoche als reichstes Land der Erde und gehörte Argentinien noch bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts zu den reichsten Ländern, noch vor Canada oder Australien. Davon zeugen noch heute unzählige Prachtbauten, sei es der Nationalcongress, das Teatro Colon

Es geht in das Teatro Colon, dank zweier Freikarten für Logenplätz auch ein preiswerter Besuch

Es geht in das Teatro Colon,

mein Logenplatz dank Freikarte

mein Logenplatz dank zweier Freikarten auch ein preiswerter Besuch

und weil es so schön ist, die Innenpracht och einmal

und weil es so schön ist, die Innenpracht noch einmal

Der Nationalcongress

Der Nationalcongress

Palazo Barolo in der Av. de Mayo

Palazo Barolo in der Av. de Mayo

oder der Palazo Borolo, um nur einige zu nennen. Daneben gibt es unzählige Gebäude, die den Glanz der alten Zeit erkennen lassen. Auch Cafehäuser sind hier einzuordnen oder das Los 36 Billares, wo Billard im Untergeschoss in gediegener Atmosphäre gespielt wird und in dem der größte mir bekannte und bespielte Billardtisch (4m x 2m) steht. Ich war einmal mit Eric dort und wir wurden spontan zum Billard eingeladen. Hier wurde nicht Lochbillard, sondern Karambolage mit 3 Banden gespielt. Da haben wir dann doch Abstand genommen.

Unzählige weitere Prachtbauten zieren die Stadt und die Architekten waren anscheinend auch verliebt in Kuppelbauten und die Auftraggeber hatten das notwendige Kleingeld.

Die neuen Pracht- und Prestigebauten befinden sich hingegen an ganz anderer Stelle und Besuchern wird gerne das moderne Buenos Aires gezeigt. Wie in vielen Hafenstädten dieser Erde, so wurde auch in Buenos Aires erst ein stadtnaher Hafen, der Puerto Madero gebaut, der aber bereits Anfang des 20.Jahrhunderts für die Schiffe zu klein war und ein neuer Hafen erforderlich war. In der Folge verfiel die Gegend mehr und mehr, ja sie verslumte und das an exponierter Stelle der Stadt. Die Neugestaltung wurde dann vor ca 25 Jahren begonnen und es entstand eine moderne Stadt mit einer Hochhausskyline und auch einer gehobenen Gastronomie.

Das moderne Buenos Aires

Das moderne Buenos Aires

An die alten Hafenzeiten erinnern noch einige Kräne, aber auch die alten Poller an den vier Hafenbecken. Ich bin dort gerne entlang gegangen, weckte dieses doch Erinnerungen an meine eigene Seefahrtzeit. Ich habe noch die „gute alte Stückschifffahrt“ erlebt, in der die Hafenanlagen sehr stadtnah waren und so stellte ich mir, träumend auf einer Bank sitzend, folgende Szene vor:  Nach einer Nacht in irgendeiner Hafenkneipe, garniert mit reichlich Alkohol, hat man den nächsten Arbeitstag  gut überstanden. Nach dem Abendessen, auf deutschen Schiffen immer zwischen 17.30 Uhr und 18.30 Uhr, stand man frisch geduscht mit einem Feierabendbier an der Rehling und folgender Dialog könnte sich ergeben haben:

„kommst du mit“ -an Land-

„Nein, ich bleibe heute an Bord.“

„Ich auch“

„Muss heute mal den Brief zu Ende schreiben“

„Habe gestern auch ganz schön zugelangt“

„Kannst dich auch an…..erinnern? „

Von oben sieht man, wie einige Kollegen das Schiff Richtung Stadt verlassen und das Schicksal nimmt seinen Lauf:

„Ach, auf ein Bier könnt ich wohl“

„OK, muss mir eben nur noch Geld holen“

Und schon war es um die guten Vorsätze geschehen. Selten blieb es dann bei einem Bier. So oder ähnlich spielte es sich bestimmt auch hier in Buenos Aires ab, lag die Stadt doch in greifbarer Nähe. Wer die heutigen Containerterminals kennt, der weiß, das man nicht mehr so einfach losgehen kann, sondern dass in Regel Shuttlebusse vom Schiff zum Gate fahren, da Fußgänger im Terminal verboten sind und auch die kurzen Liegezeiten lassen kaum einen zweiten Landgang zu.

Boca, das Arbeiterviertel

Im Stadtteil Boca hat einerseits der bekannte Fußballclub Boca Juniors seine Heimat, anderseits liegt dort auch die berühmte Szenestraße Caminito. Es soll ja unter Reisenden ausgeprägte Touristenhasser geben. Die sollten dann um diese Straße einen großen Bogen machen. Allen anderen empfehle ich, sich auch dort treiben zu lassen. Die Straße ist bekannt für die bunten Häuser. Daneben gibt es jede Menge Lokale, damit man nicht verhungert oder verdurstet. Und auch die alte Hafenatmosphäre kann man noch erahnen. Die Touristenhasser brauchen sich nur wenige Blocks entfernen, und schon taucht man in das Arbeiterviertel ein und auch der „Alte Mercado“ ist einen Besuch wert, kein Kunsthandwerkermarkt, über den man schlendern kann, sondern den Alltag mit seinen Originalen erlebt man hier. Ich war mit Juan Sebastian hier, den ich in einem kleinen Ort im Süden Argentinien kennengelernt habe. Durch Juan Sebastian konnte ich auch noch einen Maler in seinem Atelier in Boca besuchen, der nicht nur auf Leinwand malte, sondern auch Hauswände oder Mauern bemalte. Seine Tochter, sie ist mit Juan Sebastian befreundet, ist Kunstlehrerin und beide besprachen gerade ein Projekt für ein größeres Außengemälde. Argentinier trage auch gerne das Trikot ihres Lieblingsfußballvereins. In Boca sieht man aber keinen mit einem River Trikot, Boca ist Pflicht.

Wenn mit jemand vor meiner Reise gesagt hätte, ich würde 6 Wochen in einer 12 Millionenstadt bleiben, den hätte ich vermutlich nicht ernst genommen. Doch nun ist es geschehen. Buenos Aires Nimmt einem vom ersten Tag an die Hektik. Auch wenn die A. de 9.Julio mit seinen beiden Nebenstrassen insgesamt 22 Fahrspuren, davon 4 für Busse, aufweist, so schaltet man trotzdem ganz schnell 2 Gänge runter. Wenn  beim dritten Besuch im Stammcafe die Bedienung schon weiß, dass man einen Cafe Cortado largo möchte, dann fühlt man sich sehr schnell heimisch.

Irgendwie muss ich jetzt zum Schluss kommen, denn auch über meine stammeisdiele könnte ich eine Geschichte schreiben.

Ganz einfach

Good bye Buenos Aires

Ankunft am 10.02.2016

Abreise am 28.03.2016


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Comments

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    Hallo
    Sie sind ja noch Jung
    Ich werde in diesem Jahr 70
    Ich hoffe es wenigstens.
    Wenn Sie nicht zu lange unterwegs
    sind könnten es mit einem Treffen klappen.
    Immer schön aufpassen und weiter
    alles Gute sagt Etsche

  • Etsche sagt:

    Hallo
    ein wirklich schöner Bericht !
    Großer Misst mit der Brieftasche !
    Hätten wir uns gekannt,hätte ich
    Ihnen meinen Brustbeutel gegeben
    den ich auf meinen Reisen benutzt
    habe. Mir tut es sehr leid mit der
    Brieftasche. Als kleinen Trost
    kann ich nur sagen, es hätte
    schlimmeres passieren können.
    Mit besten Grüßen Etsche

    • gerdjanke sagt:

      Hallo Etsche,
      ich bin ein unverbesserlicher Optimist und dadurch manchmal auch leichtsinnig. Bisher wurde mir auf meinen Reisen nur einmal eine Dose Kettenspray, fast leer, gestohlen. Einmal musste es mich da ja mehr treffen. Es war ärgerlich, doch dadurch lernte ich auch mal ein argentinisches Polizeirevier kennen. Vielleicht trifft man sich ja mal in Verden.
      Gruß aus Paraguay
      Gerd

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